DER WIENER KONTRABASS/THE VIENNESE BASS






(More information available on my Viennese Tuning Channel: viennesetuning.blogspot.be)


EINE PERSÖNLICHE REISE MIT DEM WIENER KONTRABASS

       (Article written for the Sperger-Forum)







Vor ungefähr dreissig Jahren bekam ich zum Geburtstag Alfred Planyavskis Buch "Die Geschichte des Kontrabasses" geschenkt. In dem Werk war die Rede von der Mozartschen Konzertaria "Per Questa Bella Mano" und von der Wiener Stimmung.

Diese Aria hatte ich schon mal gehört. Im Jahre 1982 hatte Gerald Drucker sie auf dem Isle of Man - Kontrabasskongress gespielt, und auch in Belgien hatte schon mal jemand den Mut gehabt sich mit der Aria auseinanderzusetzen, allerdings hatte mich das Stück damals nicht sehr überzeugt. Jetzt aber, mit den Informationen von Planyavski im Kopf, wollte ich selber mal sehen und hören ob es in dieser komischen Akkordstimmung vielleicht besser gelinge.



Innerhalb einer Viertelstunde hatte ich meinen Zweitbass umgestimmt: A und D-Saiten gab es ja, fürs Fis hatte ich einfach eine G-Saite aufgezogen und runtergestimmt, das hohe A gab es auch einfach im Handel als 1. Saite in Solostimmung.

Die ersten Noten, die einfachen leeren Saiten und deren Flageoletts klangen so bezaubernd silbern, das hat mich ganz umgeworfen und ich habe seitdem nicht mehr aufgehört in der Terzquartstimmung zu üben und zu spielen. Seit drei Jahrzehnten habe ich immer mindestens einen Bass in Wiener Stimmung, in letzter Zeit sind es meistens sogar zwei (Darm und Stahl).

Komischerweise ("serendipity" heisst das auf englisch) hat mir gerade in dieser meiner Anfangszeit ein Chorsänger von der Oper gefragt ob ich nicht vielleicht die Mozart-Arie kenne und sie mit ihm spielen wolle. Da war's plötzlich Ernst. Diese erste Erfahrung: üben, proben, Konzerte, hat meine ganze "Wiener Karriere" geprägt.

Es gab damals niemanden bei dem man die Wiener Stimmung erlernen konnte, geschweige denn dass es Bücher oder Methoden gegeben hätte, oder spezielle Ausgaben.

Also habe ich am Anfang aus einer Ausgabe für Solostimmung gespielt. Ich habe mir die Wiener Stimmung als eine Art von Wiener "Solostimmung" vorgestellt. Anstatt A-D-Fis-A habe ich mir G-C-E-G als Basis-stimmung vorgestellt und vom Kontrabasspart in Solostimmung gespielt. Mir schien das ziemlich einfach: die obere Saite blieb nach wie vor eine "G-Saite", sowie sie es in Orchester-und Solostimmung auch ist. In Solostimmung klingt sie A, aber trotzdem denken und lesen wir G. Diese Logik hat mir am Anfang gefallen und sehr geholfen, weil ich damals fast immer von modernen Solostimmung-Ausgaben gespielt habe: Mozart, Vanhal, Sperger usw.

Heute noch, obschon ich inzwischen auch einfach in D spiele, bleibt mir diese Fähigkeit vom Vorteil. Es ist eine zusätzliche Flexibilität beim entdecken von Stücken die z.B. für andere Instrumente komponiert worden sind. Es ist schon ziemlich egal in welchem Schlüssel die stehen, manchmal lese ich dann in C und manchmal in D.

Inzwischen gibt es natürlich viele Bassisten die diese Stimmung wiederentdeckt haben, und es gibt Ausgaben, Artikel, CDs und sogar eine echte Methode im Internet (viennesetuning.com). Dr. Igor Pecevski kommt die Ehre zu, diese erste Methode verfasst zu haben. Mann kann also ruhig von einem wirklichen "Revival" reden.


Und nun gehen manche noch einen Schritt weiter. Einerseits wird man HIP (Historically Informed Practice), andererseits entdeckt man in der Wiener Stimmung neue Möglichkeiten und komponiert man neue Stücke die diese "neue" Klangwelt explorieren.

Auf der "Hippen" Seite spielt man jetzt wieder auf Darmsaiten und mit Bünden, und versucht man der spezifischen historischen Praxis näher zu kommen: das typische Wiener Lagenspiel, die Artikulationen, die handschriftlichen Quellen und nicht länger die modernen Ausgaben, die Kopien von alten Bässen usw (Stefan Krattenmacher baute mir einen Wiener 5-Saiter nach Feilenreiter).








Auf der "modernen" Seite stehen die, die neue Stücke komponieren und spielen, auf Stahlsaiten spielen, Musik spielen die ursprünglich nicht für die Wiener Stimmung gemeint war. Und es gibt Musiker die beides machen. Das eine schliesst das andere nicht aus, eher im Gegenteil.

Bei mir persönlich war, und ist es immer noch, eine Reise mit sehr vielen Entdeckungen und Aha-Erlebnissen. Fast täglich entdecke ich was neues. Andere Fingersätze die besser klingen, Tricks in Artikulationen, Stimmungsvarianten usw.

Es gibt auch vieles was man erst mal selber entdecken muss, und dass niemanden für dich finden kann. Das meiste habe ich im Spielen gelernt, und mit Spielen meine ich einfach "Spielen": improvisieren, ausprobieren. Nicht nur mit dem erstbesten Fingersatz zufrieden sein, vor allem nicht wenn man den nicht selber gefunden hat... (Oft hat man über Wiener Fingersätze übrigens völlig falsche Ideen. Ein einfaches Beispiel: Anfang Dittersdorf, 2. Konzert. Dieses Beispiel wird immer wieder herangezogen um zu beweisen wie einfach die Wiener Stimmung sein kann. Und tatsächlich ist es möglich diese Akkordtöne nur auf leeren Saiten und mit Flageoletts zu spielen. Wenn man aber diese Logik zu weit führt tut man den alten Künstlern, der Musik und sich selber Unrecht. Ein grosser Virtuose wie Sperger hatte deutlich eine stupende Technik und wird nicht jedesmal die Töne A, D und Fis nur als leere Saite oder als Flageolett gespielt haben. So simplistisch darf man nicht sein).

Es ist daher äusserst wichtig selber Fingersätze zu suchen. Man soll das Instrument wirklich ganz persönlich und individuell, Schritt vor Schritt entdecken.

Ich bin deshalb auch kein grosser Freund von "Tabulatur"-Ausgaben, selbst nicht für Anfänger. Was anfangs Zeitgewinn verspricht, wird auf Dauer eher Zeitverschwendung weil man keine Einsicht erwirbt, und kein echtes Verständnis. Das bekommt man nur durch "trial and error". Ein guter Lehrer kann da schon helfen, solange er undogmatisch die vielen Möglichkeiten erklärt und deren Vor-und Nachteile und deren Einfluss auf Tonqualität, Phrasierung, Spielkomfort, Artikulation, und Deklamation.

Allmählich habe ich dann Darmsaiten und Bünde in Gebrauch genommen. Aber irgendwann kommt man an eine Grenze und braucht man neue Anregungen. Ich habe dann schliesslich, im Alter von fast 50 Jahren, am Brüsseler Konservatorium drei Jahre verbracht, habe dort Barock und Klassik studiert, dazu Violone und Viola da Gamba, habe eine Menge gelesen und mit vielen Barockensembles mitgespielt. Vor allem habe ich von anderen Musikern vieles gelernt und vieles "gestohlen": Cellisten, Geiger, Flötisten, Gambisten, Kammermusiker waren für mich wichtiger als Bassisten.

Das hat alles meine Herangehensweise an den Wiener Violone stark beeinflusst und eine historische Komponente hinzugefügt die mir am Anfang fehlte.

Vor allem im Bereich der Artikulation war das wichtig. Wir moderne Musiker sind so tief von der Romantik geprägt, und wir sind uns dessen nicht einmal bewusst. Wir lernen, auf unserem Instrument zu "singen" und zu vibrieren dass es eine Lust hat. Das ist eine Ästhetik die nicht unbedingt zur barocken und klassischen Musik passt.
Meistens sind die Artikulationen in der Kontrabassmusik der Wiener Klassik sehr gut lesbar, z.B. bei Sperger. Das bedeutet nicht dass es trotzdem nicht eine gewisse Freiheit geben kann, aber zumindest haben wir dort ein Vokabularium an möglichen, historischen Artikulationen.

Selber bin ich ziemlich überzeugt dass eine weniger "gesungene" und mehr "gesprochene" Spielart viel besser zu dieser Musik passt. Lange Noten sind nicht unbedingt lange zu spielen, sondern klingen besser wenn man Sie glockenartig, mit Resonanz klingen lässt - mit wenig Bogendruck also. Eigentlich diktiert das Instrument selber eine solche Spielweise : die Resonanz des Basskörpers und die der Akkordstimmung, die Klangeigenschaften von Darmsaiten und der leichte Bogen bestimmen diesen "bellsound". Mit Stahlsaiten, modernen Bögen usw. spürt man das leider weniger - oder gar nicht.

Was ich aber auch gelernt habe, ist dass es in der historischen Praxis wenige absolute Sicherheiten gibt. So bin ich nicht davon überzeugt, und es gibt wenige oder keine Beweise dafür, dass in der Wiener Klassik nur und immer in Wiener Stimmung gespielt wurde. Von den meisten Solowerken wissen wir es schon: die sind nur wirklich gut spielbar in Wiener Stimmung. Ob diese Stimmung aber allgemein und in allen Orchestern in Gebrauch war ist gar nich sicher, und ist eigentlich auch nicht so wichtig. Vor einem Jahr habe ich als Experiment im (modernen) Orchester die drei letzten Mozart-Symphonien in Gambenstimmung gespielt: D-G-C-E-A und das ging auch sehr gut. (Übrigens soll man sich beim Begriff "Orchester" nicht tauschen: die Grenze zwischen Kammerensemble und Orchester war nicht immer deutlich, mittelgrosse bis grosse Besetzungen waren die Ausnahme, und auch Symfonien wurden oft mit einfacher Streicherbesetzung aufgeführt).

Auch die etwas komisch anmutende Stimmung der 5. Saite auf F (nebst der 2. Saite auf Fis) nehme ich nicht allzu ernst. Joseph Focht ("Der Wiener Kontrabass") hat als erster darauf hingewiesen, dass die Untergrenze auf F ja eher eine theoretische Grenze darstellt, und dass die Komponisten und Spieler - oft eine und dieselbe Person - da sehr flexibel waren. Selber stimme ich die 5. Saite meistens auf D.

Auf der "modernen" Seite gebrauche ich auch einen modernen Bass mit Stahl- oder Kunststoffsaiten in Wiener Stimmung. Auf diesem Bass spiele ich normalerweise keine Sachen aus der Wiener Klassik, sondern alles andere was in Wiener Stimmung ebenso gut oder besser klingt als in Quartenstimmung. So habe ich in Wiener Stimmung Bottesini's "Elegie" aufgenommen, und werke von Henri Casadesus, Japanische Filmmusik, Stücke von Kreisler, usw .

Ein Stück das Giuseppe Lupis für unser Duo Sweet 17 (Viola d'Amore und Wiener Violone) komponiert hat, wurde auch auf diesem Bass uraufgeführt. Inzwischen habe ich aber entdeckt dass "modernere" Spieltechniken auf Darmsaiten einen ganz eigenartigen Reiz haben und zu sehr interessanten Klangergebnissen führen.


Es macht Spass mal "Revanche" zu nehmen: jahrzentelang hat man die Wiener Musik in Quartenstimmung gespielt. Jetzt machen wir das umgekehrt und spielen wir "Quartenmusik" in Wiener Stimmung.

Und inzwischen hat Patrick Charton (Paris) für mich einen neuen, resolut modernen Bass gebaut: der B 21 "Bassepartout" ist demontierbar, hat verwechselbare Hälse und Schnecken für 4, 5 oder 6 Saiten, eine Rosette in der oberen Zarge, einen fussbedienten Teleskop-Stachel usw. Der Bass wird hauptsächlich in Wiener Stimmung gespielt, mit Darmsaiten und Bünden. Die Vermischung von alter Musik und moderner Technologie ist damit volkommen. Und er sieht auch noch HIP aus...

Viennese Tuning has never been more alive :-)





viennesetuning.com/a_bib_1_books_articles/d_2mt_le_compte/Music%20From%20an%20Island.pdf



VIENNESE TUNING CONCERT PROGRAM NOTES



The Viennese Classical Period is a real goldmine for musicians and music lovers. The years roughly between 1750 and 1830 present us with big political, social and artistic changes. Coming from the Baroque age, lots of baroque ideas and influences can still be found for a long time, but the tendency is for music to become less complicated in its construction. The old rules of counterpoint and harmony are mostly abandoned in favour of a more melodic approach. New musical forms are developed, such as the symphony or the string quartet, but old forms continue to exist and are adapted to the new taste (such as the instrumental concerto).

Squeezed between the Baroque and Romantic periods, art music gradually evolves toward a more individualistic expression in the later years. Many composers of the Classical time incorporate both baroque and pre-romantic elements into their works.

What we call the "Viennese" Classical Period goes far beyond Vienna itself. The term "Viennese" is a bit misleading because many of the great composers of that time worked far away from this cultural centre. Some scholars have suggested using the term "Austrian" rather than Viennese, but many composers came from other regions as well.

Tonight we present you with exquisite chamber music works by Classical composers from around Vienna and Bohemia. We feel pretty sure that for most of the pieces this will be the first time you have the chance hear them, and we really hope you will enjoy discovering this delicious music.

The instruments we are playing are either original old instruments or copies of such. For some works we have managed to find the manuscripts. (Manuscripts are magical because they are the closest we can get to a composer's ideas, but also because playing from a manuscript is like a form of time travel : to realise you are looking at the exact same image that the composer wrote and that the musicians played from, over two hundred years ago, is something very, very special).

Our goal is to try and be faithful to the composers' works, but at the same time to create an atmosphere of sharing a beautiful experience with our audience. For us, a concert is a two-way street. There is no concert without musicians. But there is no concert without the audience either. We hope we can share a happy evening together.




ENSEMBLE "PER QUESTA BELLA MANO" 
In concert at the Brussels "Eglise Protestante" (18th century), playing F.A. Hoffmeister's 4th Solo Quartet.








  1. http://viennesetuning.com/a_2_playing_technique/f_vb_method/index.htm


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